Coworking in Bern | Gemeinsam statt einsam

von Corinna Hirrle

Individuelles Arbeiten in Gemeinschaft hat Hochkonjunktur. Jetzt hat der Coworking-Trend der europäischen Metropolen auch Bern erreicht. Das Besondere: Statt die Konkurrenz zu meiden, kooperieren die Spaces mit dem Bern-Abo.

Es ist der Fitness-Studio-Effekt: Wenn alle was tun, muss ich ja auch. Kontrolle spornt an, setzt Druck auf. Schon der französische Philosoph Michel Foucault beschrieb mit dem Bild eines Panoptikums, wie viel Macht Beobachtung auslöst. Aber gemeinsam trainieren macht auch mehr Spass. Motiviert, weil man nicht einsam «leiden» muss. Genauso lernen nicht nur der Effizienz halber Studierende in Uni-Bibliotheken, sondern auch, um mit Kommilitonen Kaffeepausen zu verbringen. Dieses Prinzip hat die Wirtschaft nun auch für sich entdeckt und ausgeweitet …

Inspiration durch Austausch
Jungunternehmer, Freischaffende, Informatiker, Grafiker, Künstler –das sind sie, die Coworker, die statt isoliert, lieber unter Menschen arbeiten. Ihnen bieten Coworking-Spaces Räume und Infrastruktur an. Denn mehr als Computer und Kopf braucht es häufig nicht. Für einen begrenzten Zeitraum kann dort konzentriert und individuell gearbeitet werden. Daneben ist Ziel der Anbieter, die Bildung einer flexiblen Community. In den Pausen wird mit branchenübergreifendem Austausch Gemeinschaft gepflegt. Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern diskutieren über ähnliche Probleme. Manche Spaces verstärken dies durch extra Veranstaltungen. Ein kreativer Nährboden für Innovationen entsteht, weshalb das Outsourcing von Büros auch für grössere Firmen interessant sein kann. Finanziell lohnt sich die Investition: Ein Büroplatz kostet 25 bis 30 Franken pro Tag, Monats- und Jahres-Abos gibt es auch. Der Ansatz liegt weit unter den Fixkosten eines festen Arbeitsplatzes.

Verschiedene Philosophien
Grundwerte der Coworking Spaces sind Offenheit, Kollaboration, Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Zugänglichkeit. Die Schwerpunkte variieren. In der Stadt Bern existieren bereits um die zehn Working-Spaces. Neu soll auch eines im Oberland aufgezogen werden. Die Spannweite der Anbieter und Zielgruppen bewegt sich von Kader-Spaces an Top-Lage (BusinessPoint, Bahnhof Bern) über charmante Grossraumbüros im Herzen der Altstadt (Urbanfish) bis hin zum modernen Arbeitsplatz mit Garten und Mobilitätskonzept im Berner Vorort Wabern (Planhalle 6).

Die Kultur im Effinger
Das Effinger in Unweite des Bahnhofs Bern ist gleichzeitig Kaffeehaus und Working Place. Besonders gross werden Gemeinschaft und das Prinzip Teilen geschrieben. Denn Helfen wird als Motor der Entwicklung verstanden. So verpflichtet sich jedes Mitglied, zehn Prozent seiner
Arbeitszeit der Gemeinschaft zu widmen. Dem Tischnachbarn mit einem Computerproblem helfen, das in zehn Sekunden gelöst ist? Ist das nur trockenes Prinzip und kaum praxistauglich? Zumindest animiert der im Mietpreis enthaltene Kaffee dazu, um mit anderen ins Gespräch zu kommen. Speziell bietet das Effinger auch Platz für Künstler, indem es Ateliers vermietet, Dauer- und Sonderausstellungen von Designmöbeln zeigt, mit dem Theater Effingerstrasse kooperiert, Workshops und Konzerte organisiert.

Vielfalt zulassen statt Konkurrenz leben
Der Wechsel des Arbeitsumfelds, kann neue Gedanken bewirken. Weshalb nicht ein Abo lösen, das auch in anderen Spaces gültig ist? Damit sind Abwechslung und Flexibilität garantiert. Ein schweizweites Abo mit über 100 Coworking Offices bietet die app popupoffices an. Rentieren sich wirtschaftlich auch die Städte-Abos? Oder ist das Goodwill und Grosszügigkeit? Priscilla Wolf vom Coworking Space Urbanfish in Bern unterstreicht: «Vielfalt ist wichtig.» Wenn jeder Space einen anderen Stil hat, zieht er andere Kunden an. Vermutlich gibt es dann sowieso nicht so viel Wechsel. Zudem verteilen sich die Anbieter in der Stadt.

Die Atmosphäre macht’s
Die neue Arbeitsform kann Arbeitgeber mit fixen Büros inspirieren, attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen: Den Austausch innerhalb und ausserhalb des Betriebs zu stärken oder die Vorteile bei einem stabilen Team aus Experten auszuschöpfen und Synergien zu bündeln. Klar geworden ist, dass es die Atmosphäre ist, die ein produktiv-innovatives, ausgefülltes Arbeiten bewirkt.

www.effinger.ch
www.urbanfish.ch
www.planhalle6.ch
www.popupoffice.ch /de