In welchen Bereichen realisieren wir mit den digitalen Werkzeugen tatsächliche Effizienzgewinne? Foto: Gruner Gruppe

Der Trend zur Digitalisierung und der Hype um BIM, der auch an der Swissbau zu spüren ist, schiesst manchmal über das Ziel hinaus. Die Frage stellt sich, an welchen Punkten im Arbeitsalltag die neuen Konzepte, Technologien und Werkzeuge uns wirklich weiterbringen. Wir führten dazu ein Hintergrundsgespräch mit zwei Verantwortlichen der Gruner Gruppe.

Das Thema Digitalisierung ist auch im Rahmen der Infrastruktur angekommen. Das ist sicher eine komplexe Herausforderung?

 Kilian Reyer: Ja, das ist es in vielerlei Hinsicht. Es ist intern eine komplexe Herausforderung, weil die unterschiedlichen Fachbereiche unterschiedlich weit sind in der Anwendung von digitalen Tools und digitalen Arbeitsprozessen. Ganz abgesehen davon, dass es grundsätzlich eine Herausforderung ist, sich von bewährten Prozessen und Methoden, die sich über Jahrzehnte entwickelt und verbessert haben, zu lösen.

Juri Schuler: Dazu kommt, dass unsere Kunden und Auftraggeber mit derselben Fragestellung konfrontiert sind und dass heute noch für niemand absehbar ist, wie die Zusammenarbeit unter digitalen Voraussetzungen im Idealzustand funktionieren wird. Da sind wir im Infrastrukturbau in der Schweiz – im Gegensatz zur Konstruktion oder zur Gebäudetechnik – noch am Anfang.

Die Bandbreite der Einschätzungen ist da sehr weit. Für die einen ist beispielsweise BIM eine mächtige Veränderungsmaschine, die alte Arbeitsweisen verdampfen lässt. Für andere ist es nur ein zusätzliches Werkzeug. Was ist es für Sie?

 KR: Unsere Kernkompetenz, nämlich Planung, ist und bleibt dieselbe. Dieser Aspekt gerät momentan beim Hype um die Digitalisierung oft in den Hintergrund. BIM ist für mich zuerst einmal ein verbessertes Werkzeug, das wie jedes neue Tool einen Einfluss auf Arbeits- und Zusammenarbeitsprozesse hat. Aber die Auswirkungen auf die Prozesse gehen hier doch sehr weit – und das macht den Unterschied zu früher aus.

JS: Das wird sich vor allem bei der Projektierung und Planung von grossen Infrastrukturvorhaben zeigen. Die neuen Tools und Arbeitsweisen bringen hier neue Möglichkeiten, unter anderem auch zur Effizienzsteigerung, vereinfachte Visualisierungen, aber auch im Hinblick auf die Betriebsphase. Ich kann mir gut vorstellen, dass die «analoge» Welt bei kleineren und mittleren Projekten noch über eine längere Zeit weiter existiert und vielleicht nie ganz verschwinden wird.

Versuchen wir eine Annäherung an die praktischen Veränderungsprozesse und Auswirkungen. Was bedeutet die Digitalisierung für die Phase der der Planung und Projektierung?

 KR: Planung und Projektierung ist technisch gesehen ein Verarbeiten von Daten zu Informationen, die am Ende auf der Baustelle umgesetzt werden können. Das grundlegende Instrument unserer Arbeit war und ist der Plan und das Dokument. In Zukunft liegt dahinter eine Datenbank. Dies fordert von uns Planern eine ganz neue Denkweise, bietet uns aber auch viele neue Möglichkeiten und auch die Chance, neue Dienstleistungen anzubieten.

Wie wird sich die Vertragsgestaltung verändern?

 JS: Hier halte ich eine Entwicklung für wahrscheinlich, die zuerst einmal paradox scheint. Digitalisierung würde eigentlich eine bessere Zusammenarbeit von vielen kleinen Akteuren mit ihren spezifischen Kompetenzen und jeweiligen Aufgaben erleichtern. Heute werden grössere Infrastrukturprojekte ja vielfach phasenweise ausgeschrieben. Ich glaube aber, dass die Entwicklung zuerst einmal in eine andere Richtung gehen wird und es wieder grössere Pakete geben wird.

Weshalb?

JS: In der Infrastrukturplanung sind noch viele Schnittstellen ungelöst. Es gibt noch keinen einheitlichen Standard Daten zu übermitteln. In der noch unsicheren neuen Welt muss man die Schnittstellen und Verantwortlichkeiten anders regeln. Eine Antwort darauf ist, durch Mandate die wieder mehrere Planungsphasen beinhalten, Schnittstellen und damit das Risiko für den Bauherren zu minimieren. In der noch nicht gänzlich ausgetesteten neuen Welt muss man die Schnittstellen und Verantwortlichkeiten, auch rechtlicher Natur, also anders regeln.

KR: Dazu kommt, dass in der neuen Welt Leistungen und Aufwände aus späteren Planungsphasen in frühere Phasen verlagert werden. Wir müssen uns als Planer dadurch viel stärker mit dem gesamten Planungsablauf und der Definition des Endprodukts vertraglich beschäftigen.

Das Kernstück ist weiter die Leistungserbringung auf der Baustelle. Wie hat man sich diese zukünftig vor zu stellen?

 JS: Bis die Digitalisierung auf der Baustelle ankommt, wird es aber noch etwas dauern. Papierpläne bleiben vorderhand bestehen. In Zukunft werden aber auch die Bauunternehmen vor grossen Herausforderungen in der Ausbildung ihrer Leute stehen, wenn die Informationen digital angeliefert werden.

KR: Dadurch, dass unser hauptsächliches Arbeitsinstrument in Zukunft die Datenbank sein wird, stehen die zu bauenden Planungsinformationen maschinenlesbar zur Verfügung. Das eröffnet auf dem Bau ganz neue Möglichkeiten, welche den Bauablauf, aber auch Material oder Bauweise wesentlich beeinflussen. Hier ist Vorfertigung auch im Infrastrukturbau sicherlich ein erstes wichtiges Gebiet, es gibt aber auch schon Versuche, auf der Baustelle mit Robotern zu arbeiten. Wir verfolgen diese Entwicklungen mit grossem Interesse, da sie auch einen Einfluss auf unsere Planung und Projektierung hat.

Und wie sieht es last but not least beim Service und den Dienstleistungen aus?

 JS: Ich sehe hier einen echten Bedarf, den wir als Planer in Zukunft besser abdecken können, nämlich die Unterstützung der Bauherren für den Betrieb der Bauwerke, die Erhaltungsplanung und Kontrolltätigkeiten wie zum Beispiel den Inspektionen – mit Daten aus der Planung. Auch die Nachführung der Bauwerksdaten und -Pläne kann dabei ein Thema sein.

KR: Wir machen die Erfahrung, dass viele Auftraggeber gerade daran interessiert sind und überzeugt werden können, sich ebenfalls auf den digitalen Weg zu machen. Da brauchen Sie aber einen erfahrenen Partner, der sie an die Hand nimmt und ihnen hilft, die Möglichkeiten für ihren Mehrwert zu nutzen.

Ein heikles Thema ist die Aus- und Weiterbildung. Fachkräftemangel ist ein zentrales Stichwort. Was muss sich bei den Ausbildungsgängen ändern?

 KR: Wir stellen fest, dass abgehende Fachleute von den Berufs – und Hochschulen heute einen Rückstand haben, was die Digitalisierung betrifft. Unsere Mitarbeitenden sind da zum Teil schon weiter. Das ändert sich hoffentlich in naher Zukunft. Wenn Grundkenntnisse über einfache Programmierung, Datenbanken und die Anwendung von aktueller Software zu den Pflichtthemen in der Ausbildung gehören würden, hätten wir schon viel erreicht. Gerne tragen wir unseren Teil bei Praktikanten, Auszubildenden und Jungingenieuren dazu bei.

Und wie bereiten Sie vierzigjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die Veränderungen vor?

 KR: Wir bereiten sie nicht nur darauf vor, sondern begleiten sie im Veränderungsprozess, indem wir im Übrigen auch selber stecken. Zentral ist die Ausbildung, aber auch das gemeinsame Lernen bei und an Projekten.

JS: Als Unternehmen und Führungskräfte tragen wir eine grosse Verantwortung in diesem Übergangsprozess. Es kann sein, dass es auch in Zukunft „analoge Nischen“ geben wird. Aber wir sorgen dafür, dass möglichst viele in der digitalen Zukunft ankommen werden.

Kilian Reyer ist Senior Projektleiter bei der Gruner AG in Basel.

Juri Schuler ist Mitglied der Geschäftsleitung bei der Gruner Berchtold Eicher AG in Zug.

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